Bei meinem ersten Agile-Chapter-Meeting besichtigten wir eine IT-Abteilung, die komplett auf Agile umgestellt hatte. Die Flure und Büros waren komplett mit Whiteboards ausgestattet. An verschiedenen wichtigen Stellen hingen elektronische Burndown-Charts und andere Visualisierungen. Wir hörten Erfolgsgeschichten und hatten anschließend eine Fragerunde. Meine erste und einzige Frage war: “Wo sind die Projektmanager?” Die Antwort ließ mich erschaudern. “Wir haben keine mehr. Wir haben sie abgeschafft.” Einen Moment lang war ich fassungslos, dann fügte der Guide hinzu: “Sie sind jetzt Scrum Master.”.
Nach reiflicher Überlegung bin ich zu folgendem Schluss gekommen: Agile ist lediglich ein anderer Ansatz im Softwareentwicklungsmanagement, bei dem der Projektmanager die Rolle eines Scrum Masters übernehmen kann. Das Management benötigt weiterhin das Projektmanagement. Funktion, Vielleicht nicht der Titel. Agile hat seine Regeln, seine Terminologie und seine Vorgehensweisen. Daher kann ein Projektmanager mit entsprechender Schulung und Erfahrung erfolgreich zum Scrum Master werden.
PMI lehrt, dass seine Methodik generisch ist und Branchen ihre eigenen Projektlebenszyklen haben. Daher folgt der Projektmanager weiterhin der PMI-Methodik sowie dem Projektlebenszyklus der jeweiligen Branche. In diesem Fall ist der Projektlebenszyklus agil und die Branche IT.
Agile stellt daher keine Bedrohung für Projektmanager dar. Es führt jedoch zu einer zusätzlichen Arbeitsebene. Während der Projektmanager zuvor seinen Projektplan als Grundlage für die Steuerung der Aktivitäten auf operativer Ebene nutzte, muss er nun agile Werkzeuge wie Burndown-Charts, User Stories, Backlogs, Standup-Meetings usw. für die operative Ebene einsetzen. Im agilen Umfeld verwendet der Projektmanager weiterhin den Projektplan, jedoch auf einer höheren Planungsebene, beispielsweise auf der Ebene der Kostenstellen. Auf der operativen Ebene bzw. der Arbeitspaketebene wird der Projektplan nicht mehr benötigt. Der übergeordnete Projektplan liefert die notwendigen Informationen für das Performance-Reporting, während die agilen Werkzeuge die operative Ebene abdecken.
Bei näherer Betrachtung gewinnt der Projektmanager angesichts der zunehmenden Diversität innerhalb der Organisation und des wachsenden Bedarfs an standardisierter Berichterstattung über alle Abteilungen hinweg an Bedeutung. Einige Abteilungen arbeiten agil, andere nach dem Wasserfallmodell. Manche Projekte eignen sich für agile Methoden, andere, wie beispielsweise Hardware-/Infrastrukturprojekte, nicht. Führungskräfte benötigen eine einheitliche Sichtweise über alle Abteilungen hinweg. Der Projektmanager gewährleistet diese Einheitlichkeit, da er als Vermittler fungiert. Er kann Informationen aus verschiedenen Projektplanungssoftwareprogrammen sowie unterschiedlichen Softwareentwicklungsansätzen zusammenführen und den Führungskräften einheitliche Leistungsberichte bereitstellen.
Verfasst von Jose Carranza, Kursentwickler und Dozent bei Key Performance LLC.
